Alderman, Naomi: Die Gabe

Uff, das hat jetzt ja gar nicht lange gedauert. Nur ein halbes Jahr habe ich für die Rezension zu Naomi Aldermans Roman „Die Gabe“ gebraucht. Und das, nachdem ich das Buch innerhalb von drei Stunden durchgelesen hatte. Und es vor drei Monaten noch einmal auf Englisch gelesen habe, ebenfalls innerhalb weniger Stunden. Aber irgendwie war ich mir nicht sicher, wie genau ich das Buch bewerten oder was ich dazu schreiben soll. So richtig sicher bin ich mir ehrlich gesagt immer noch nicht, aber ich wollte unbedingt endlich irgendwas zum Roman auf dem Blog haben. So here we go …

Wie sähe die Welt aus, wenn Frauen die Macht hätten? Wenn Frauen das ’starke Geschlecht‘ wären und Männer nach ihren Regeln leben müssten? Was würde passieren, wenn Mädchen von einem Tag auf den nächsten die Fähigkeit entwickeln würden, Elektrizität zu produzieren? Wenn das Patriarchat vor dem Ende stünde, weil es plötzlich die Frauen sind, die das Symbol für Stärke sind. Wie würde sich so eine Welt entwickeln? Diesen Fragen geht Naomi Alderman in „Die Gabe“ nach.

Nicht viele Wunder sind nötig. Weder für den Vatikan noch für eine Gruppe hochgradig nervöser Teenagermädchen, die seit Monaten zusammengepfercht sind und Angst um ihr Leben haben. Man braucht nicht viele Wunder. Zwei reichen. Drei sind schon zu viel.

Die Gabe“ von Naomi Alderman, Seite 105

Die Geschichte wird aus der Perspektive mehrerer, sehr unterschiedlicher Charaktere erzählt und umspannt die Ereignisse von den ersten Manifestationen der Gabe an bis hin zu dem Punkt, an dem klar ist, dass die Macht nicht länger auf Seiten der Männer ist und die Gesellschaft sich bereits grundlegend verändert hat. Zehn Jahre dauert das, wobei die ersten Veränderungen quasi sofort einsetzen. Es ist beeindruckend, wie unglaublich realistisch sich die meisten der Entwicklungen anfühlen. Beeindruckend und beängstigend.

Es werden sowohl die politischen und gesellschaftlichen als auch religiösen Auswirkungen der Gabe beleuchtet und alles, was sich daraus so ergibt. Jeder der vier Charaktere bringt seine eigene Perspektive und seinen eigenen Fokus  mit, auch wenn diese sich zeitweise (oder bei zweien irgendwann auch dauerhaft) überschneiden. Leider kriegt jeder Charakter durchgehend die gleiche Aufmerksamkeit, was nicht immer hilfreich für das Tempo der Geschichte ist – zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Handlung sind eben manche Perspektiven relevanter und spannender als andere.

Man merkt leider nach einer Weile, dass hier das Spiel mit dem Gedankenexperiment an oberster Stelle steht und stellenweise verhindert, dass der Roman so wirklich rund zu lesen ist. Gerade in der zweiten Hälfte wird die Handlung sehr extrem, es werden immer und immer wieder Grenzen überschritten, bei denen ich mir teils nicht sicher war, ob das wirklich nötig gewesen wäre oder einfach nur geschmacklos ist. Trotzdem ist der Roman wahnsinnig faszinierend gewesen. Großartig fand ich auch die Rahmenstruktur – der Versuch, 3.000 Jahre zurückliegende Ereignisse zu rekonstruieren – und die eingeschobenen archäologischen Funde aus der Zeit nach den im Roman geschilderten Ereignissen.

Auf Reklametafeln sieht man mittlerweile Plakate, auf denen freche junge Frauen lange Lichtbögen vor süßen, entzückten Jungs fabrizieren. […] Es funktioniert, die Produkte verkaufen sich. Unterschwellig wird Frauen aber noch etwas anderes vermittelt. Seid stark, dann bekommt ihr alles, was ihr wollt.

Die Gabe“ von Naomi Alderman, Seite 355

Die Gabe“ ist kein Feel-Good-Buch, kein Roman, der versucht mit sympathischen Charakteren zu bestechen und auch keine optimistische Zukunftsvision, die Antworten auf unsere Probleme aufzeigt. Aber es ist beeindruckend, eindringlich und wirft wichtige und zeitgemäße Fragen auf. Leider ist der Roman nicht so ganz rund, da die Handlung einige Längen aufweißt. Es ist ganz klar die Message, die hier im Vordergrund steht und mit der Naomi Alderman der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will.

Insgesamt ist „Die Gabe“ von Naomi Alderman meiner Meinung nach trotzdem ein absolut lesenwertes Buch! Beeindruckend, beängstigend und bemerkenswert, wenn auch leider nicht konstant.

Für Fans von…

  • Dystopien
  • Feminismus
  • Büchern wie „The Handmaid’s Tale“

Was andere Blogger sagen:

I am Jane | Miss Bookiverse | The Read Pack | Bella’s Wonderworld | Tasmetu

Habt ihr das Buch gelesen und rezensiert? Dann lasst mir doch einen Kommentar da und ich verlinke eure Rezension hier 😊

5
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♥ Rezensionsexemplar ♥
Die Gabe von

The Power, übersetzt von
Genre: ,
Verlag: , Februar 2018
ISBN: 9783453319110, taschenbuch, 480
Mehr Infos zum Buch beim Verlag

Inhaltsangabe:
Es sind scheinbar gewöhnliche Alltagsszenen: ein nigerianisches Mädchen am Pool. Die Tochter einer Londoner Gangsterfamilie. Eine US-amerikanische Politikerin. Doch sie alle verbindet ein Geheimnis: Von heute auf morgen haben Frauen weltweit die Gabe – sie können mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße aussenden. Ein Ereignis, das die Machtverhältnisse und das Zusammenleben aller Menschen unaufhaltsam, unwiederbringlich und auf schmerzvolle Weise verändern wird.

Zu diesem Post gibt es schon 2 Kommentare - lass doch auch einen da!

  1. Ich glaube, von anfangs restlos begeisterten Rezensionen, hab ich seither immer nur solche gesehen, die es entweder gar nicht so toll fanden, oder zumindest nicht gänzlich begeistert sind. Aber irgendwie hab ich immer noch starkes Interesse am Buch – was auch ein bisschen damit zusammenhängt, dass ich die Lauf-App, bei der die Autorin mitwirkt, so gern mag. xD Aber auch die Nähe zu Margaret Atwood. (Lustigerweise hatte die auch mal einen Gastauftritt als sie selbst in der App; läuft sich nur schwer, wenn ich die ganze Zeit lachen muss.)

    1. Ja, hätte ich die Rezension direkt geschrieben, wäre sie auch voll überschwänglicher Begeisterung gewesen. Und das Buch ist ja auch wirklich gut, nur halt nicht perfekt. Würde es dir aber auf jeden Fall auch empfehlen! 🙂

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