Doctorow, Cory und Jen Wang: Das echte Leben: Digitale Welten

Uff… Das war enttäuschend. Anders kann man es kaum sagen, aber leider konnte mich Cory Doctorow und Jen Wangs „Das echte Leben“ (warum man den Originaltitel „In Real Life“ nicht behalten hat, ist mir auch ein Rätsel, aber nun gut…) so gar nicht überzeugen, obwohl ich anfangs noch ganz angetan war:

Das fängt mit Protagonistin Anda an. Sie ist neu an ihrer Schule und während sie weder superbeliebt, superblond, superschlank, oder sonst irgendwas in der Art ist, ist sie auch keine Superaußenseiterin – sie ist einfach ein stinknormaler, durchschnittlicher Teenager, und gerade das hebt sie angenehm aus der Masse der YA-Heldinnen hervor. Sie ist schüchtern und etwas verloren in der neuen Umgebung und als sie mit dem MMORPG Coarsegold Online in Kontakt kommt, eröffnen sich für sie ungeahnte Welten und neue Möglichkeiten, ihren Platz in diesen zu finden.

Hand in Hand damit geht der ganze feministische Gamer-Chicks Aspekt der Graphic Novel, der mir wirklich sehr gut gefallen hat. Und natürlich die Coming-of-Age Storyline, in der Anda einerseits ihren Platz in der Welt sucht und andererseits zum Blick über den Tellerrand ihres wohlbehüteten Industrieland-Mittelstand-Lebens gezwungen wird.

Aber, und das ist ein ziemlich großes aber, ich fand das ganze Thema des Goldfarmings, sozialer Ungerechtigkeit und allem, was damit sonst noch verbunden ist, nicht wirklich gut umgesetzt. Das ganze ist einfach ziemlich komplex und ich denke nicht, dass die 200 Seiten Graphic Novel dem gerecht werden kann – Anda wird zur Heldin einer weitestgehend gesichtslosen Gruppe benachteiligter chinesischer Goldfarmer und am Ende sind alle happy, oder so… Das wirkt etwas schal, die ganze Situation wurde für meinen Geschmack sehr vereinfacht.

Alles in allem denke ich, dass „Das echte Leben“ von Cory Doctorow und Jen Wang besser dran gewesen wäre, hätte der Autor sich mehr auf den ganzen feministischen „auch Frauen können Gamer sein“ etc. Aspekt konzentriert und nicht auf die Sache mit der sozialen, politischen, wirtschaftlichen Ungerechtigkeit, denn das ist in meinen Augen ziemlich schief gegangen und Anda als privilegierte, weiße Retterin der armen, armen Menschen in China, die ohne sie ja zu nichts fähig wären, macht sich einfach nicht gut. Sehr schade!

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Das echte Leben: Digitale Welten von

In Real Life, übersetzt von
Illustriert von
Genre: , ,
Verlag: , Mai 2015
ISBN: 9783957983046, gebunden, 200 Seiten
Mehr Infos zum Buch beim Verlag

Inhaltsangabe:
Anda liebt "Coarsegold Online". In der virtuellen Welt des Onlinerollenspiels kann sie Kämpferin und Heldin sein. Scheinbar eine perfekte Welt. Doch dann trifft sie auf einen Goldfarmer – im wahren Leben ein chinesisches Mädchen, Lucy, dessen Job es ist, wertvolle Spielgegenstände zu sammeln und diese für Geld an andere Spieler zu verkaufen – in der Welt von Coarsegold ist das eigentlich verboten. Bald entdeckt Anda, dass es gar nicht so einfach ist, richtig von falsch zu trennen, besonders dann, wenn der Lebensunterhalt davon abhängt. "Das echte Leben" ist eine sensible Geschichte über die Zeit des Erwachsenwerdens, Gaming, Armut und das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen.

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