Novik, Naomi: Spinning Silver

Content Notes für „Spinning Silver“:
Der Roman setzt sich mit Antisemitismus und häuslicher Gewalt (keine sexuelle Gewalt) auseinander.

Vor zwei Jahren konnte mich Naomi Novik mit ihrem Roman „Uprooted“ richtig begeistern. Die atmosphärische Fantasy-Geschichte, deren Inspirationen die Autorin aus den osteuropäischen Märchen ihrer Kindheit gezogen hat – Naomi Novik ist US-Amerikanerin in erster Generation, mit polnischen und jüdisch-litauischen Wurzeln -, fand ich einfach zauberhaft und als ich gesehen habe, dass es eine weitere dieser Geschichten geben wird, war meine Freude dementsprechend riesig.

Und „Spinning Silver“ ähnelt in vielerlei Hinsicht seinem Vorgänger. Es ist erneut eine Geschichte über Frauen, die ihr Schicksal suchen, voller Magie und märchenhafter Untertöne – allerdings nicht im zuckersüßen Disney-Style sondern eher düster, so wie die Märchen der Brüder Grimm. Oder eben die Märchen, von denen sich die Autorin hat inspirieren lassen, von denen ich leider nur wenige kenne, aber das was ich da bislang so gelesen habe, war schon eindeutig dunkler und blutrünstiger als die geliebten Zeichentrickfilme aus meiner Kindheit.

The real story isn’t half as pretty as the one you’ve hear. […] Because that’s what the story’s really about: getting out of paying your debts.

Spinning Silver“ von Naomi Novik, Seite 3

Im Gegensatz zu „Uprooted“ wird die Geschichte in „Spinning Silver“ nicht nur aus einer Perspektive erzählt, sondern zunächst von drei, scheinbar zusammenhanglosen jungen Frauen: Geldverleiherstochter Miryem, die adlige Irina und Wanda, die aus armen Verhältnissen stammt. Auf den ersten Blick sind die drei völlig unterschiedlich, aber es wird schnell deutlich, dass sie mehr gemeinsam haben, als gedacht. Sie sind Frauen, Töchter und Bräute und vor allem sind sie alle in Situationen, in denen sie lernen müssen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – oder an dem, was andere, allen voran ihre Väter, für sie vorsehen, kaputt gehen.

Was mich direkt fasziniert hat, war dass jede der drei jungen Frauen eine ganz eigene Stimme hat und die einzelnen Kapitel, je nachdem aus wessen Perspektive gerade erzählt wird, auch einen völlig unterschiedlichen Ton haben. Die Frauen haben unterschiedliche soziale Umfelder, sind unterschiedlich gebildet und sind auch sonst in vielem sehr verschieden. Es ist beeindruckend, wie sehr sich die Charaktereigenschaften der Figuren, aber auch ihre Weiterentwicklung im Laufe der Geschichte, in ihrer Ausdrucksweise widerspiegeln und welchen Facettenreichtum die Autorin hier in ihrem Schreibstil an den Tag legt. Handwerklich ein absolutes Highlight!

I didn’t want to be the good fairy in her story, scattering blessings on her hearth. Where did all those fairies come from, and how rich could they be in joy to spend their days flitting around to more-or-less deserving girls and bestowing wished on them?

Spinning Silver“ von Naomi Novik, Seite 117

Allerdings waren die wechselnden Perspektiven gleichzeitig auch mein größtes Problem mit dem Roman, denn es werden immer mehr. In der zweiten Hälfte gibt es zusätzlich zu den drei Hauptperspektiven noch drei weitere, aus der Sicht von Nebencharakteren. Das macht irgendwo schon Sinn, weil die Geschichte relativ komplex ist und die Handlung sich parallel an mehreren Orten zuträgt, aber ich bin das Gefühl nicht losgeworden, dass man das auch eleganter hätte lösen können. Denn irgendwann wurde es doch recht verworren und verwirrend. Zu viele Wechsel, zu viele Einsichten in das Innenleben von Figuren, die mich nur mäßig interessiert haben.

Was Naomi Novik hier aber wieder eben so faszinierend darstellt, wie schon in „Uprooted“, sind junge Frauen, die mit schwierigen Entscheidungen konfrontiert werden – hier hängen diese, grob gesagt, damit zusammen, dass alle drei unfreiwillig zu Bräuten werden. Die Bindungen zwischen den Protagonistinnen und ihren Familien – im Guten wie im Schlechten, mit all den Höhen und Tiefen – spielen dabei erneut eine entscheidende Rolle und sind faszinierend, eben weil auch jede der drei Familien von ganz unterschiedlichen Dynamiken geprägt ist.

I laughed; I couldn’t help it. It wasn’t mirth, it was bitterness. „So the fairy silver brought you a monster of fire for a husband, and me a monster of ice. We should put them in a room together and let them make us both widows.“

Spinning Silver“ von Naomi Novik, Seite 214

Spinning Silver“ ist erneut magisch, düster und märchenhaft, mit einem zauberhaften Schreibstil versehen und voller faszinierender Frauen und deren Familien. Naomi Novik versteht es definitiv eine total atmosphärische Geschichte zu erzählen, die gleichzeitig voller Angst und Hoffnung steckt. Leider wurden mir die vielen Perspektiven irgendwann zu konfus, sodass die eigentlich sehr fesselnde Erzählung im letzten Drittel etwas an Spannung eingebüßt hat. Es waren einfach Figuren dabei, deren Innenleben mir egal war. Die drei Hauptfiguren sind dafür aber grandios und absolut faszinierend, auch wenn ich sagen muss, dass ich über weite Teile des Buchs keine der drei tatsächlich sympathisch fand. Dafür sind vor allem Miryam und Irina zu kalkulierend und zu intrigant, aber das müssen sie auch sein. Und man fiebert trotzdem mit ihren Erlebnissen mit, weil diese nicht nur altbekannte Märchenmotive aufgreifen und zu etwas wesentlich vielschichtigeren verdrehen, sondern auch einfach so viele Dinge enthalten, bei denen man absolut mitfühlen kann – Sympathie hin oder her.

Alles in allem ist „Spinning Silver“ meiner Meinung nach zwar nicht ganz so gut gewesen wie „Uprooted“, was aber einzig an meiner persönlichen Abneigung gegen zu viele Perspektiven liegt (habe ich ja auch bei „Record of a Spaceborn Few“ gemerkt). Handwerklich bietet Naomi Novik hier aber nochmal ein ganzes Stück mehr als in ihrem ersten Märchen-Roman. Das Buch ist großartig geschrieben, eindringlich und atmosphärisch und ein wirkliches Kunstwerk. Wer „Uprooted“ mochte, dem kann ich „Spinning Silver“ nur empfehlen, trotz meiner Frustration über die in meinen Augen etwas überflüssigen zusätzlichen PoVs zum Schluss der Geschichte hin.

Für Fans von…

  • Märchen
  • Düsterer Atmosphäre
  • Faszinierenden Frauenfiguren

Was andere Blogger sagen:

Habt ihr das Buch gelesen und rezensiert? Dann lasst mir doch einen Kommentar da und ich verlinke eure Rezension hier 😊

7
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Spinning Silver von

Genre:
Verlag: , Juli 2018
ISBN: 9781509899012, gebunden, 480 Seiten
Mehr Infos zum Buch beim Verlag

Inhaltsangabe:
Miryem is the daughter and granddaughter of moneylenders, but her father’s too kind-hearted to collect his debts. They face poverty, until Miryem hardens her own heart and takes up his work in their village. Her success creates rumours she can turn silver into gold, which attract the fairy king of winter himself. He sets her an impossible challenge – and if she fails, she’ll die. Yet if she triumphs, it may mean a fate worse than death. And in her desperate efforts to succeed, Miryem unwittingly spins a web which draws in the unhappy daughter of a lord.

Zu diesem Post gibt es schon 4 Kommentare - lass doch auch einen da!

  1. Huhu 🙂
    auf das Buch freue ich mich auch schon, seit ich davon gehört habe und ich hebe es mir für den Urlaub auf ♥ Dass du so eine positive Meinung davon hast, macht mich noch hibbeliger 😀
    Freut mich sehr, dass die sowohl Uprooted als auch Spinning Silver so gut gefallen haben 🙂
    Liebe Grüße
    Kat

  2. Ach, verflixt, jetzt weiß ich immer noch nicht, ob das Buch was für mich ist. Ich hänge bei „Uprooted“ seit längerem an einer Stelle fest, weil ich keine Lust auf einen Ortswechsel in der Handlung habe. Allerdings habe ich noch fest vor den Roman zu beenden, da mir die Geschichte bislang sehr gut gefiel. (Ich habe den Titel als eBook und da fällt mir das Weiterlesen immer etwas schwer.)

    Aber es ist gut zu wissen, dass „Spinning Silver“ keine Fortsetzung ist (wie ich bislang glaubte), sondern eine eigenständige Geschichte.

    1. Also wenn dich bei „Uprooted“ Ortswechsel in der Handlung stören, dann ist „Spinning Silver“ eher nichts für dich, da hüpft die Handlung ja ständig hin und her – von Charakter zu Charakter und damit auch von Ort zu Ort 😀

      1. Mir geht es weniger grundsätzlich um Ortswechsel, als darum, dass ich bei „Uprooted“ den Anfangshandlungsort nicht verlassen will (und befürchte, dass sich die folgende Handlung mehr um Politik und Intrigen drehen wird). Ich finde es auf jeden Fall schon mal gut zu wissen, dass „Spinning Silver“ keine Fortsetzung ist (und weiß immer noch nicht, wie ich auf den Gedanken kam *g*).

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