Wilson, G. Willow: Alif der Unsichtbare

Alif lebt in der Stadt, einem namenlosen Ort in einem ebenso namenlosen arabischen Emirat. Er ist arabischer und indischer Abstammung, in den 20ern und ein ziemlicher Idiot. So verhält er sich gegenüber seiner Nachbarin und Kindheitsfreundin Dina oft ziemlich unmöglich, reagiert auf das Ende seiner heimlichen Beziehung zur reichen Intisar ziemlich kindisch und gibt sich auch sonst nicht besonders liebenswert oder sympathisch. Allerdings ist er ein talentierter Hacker, der sein Talent nutzt um Blogger, Aktivisten, Pornoseitenbetreiber und allerlei andere Menschen, die der Zensur durch die Staatssicherheit zum Opfer fallen würden, vor eben dieser zu verbergen. Das kann natürlich nicht gut gehen und so befindet sich Alif auch bald auf der Flucht vor der Hand. Wie genau die Erkenntnis, dass Dschinn tatsächlich existieren, in diese Geschichte passt … Tja, das müsst ihr selbst herausfinden.

Klingt nach einer ziemlich wilden Mischung und ist es auch. In „Alif der Unsichtbare“ vermischt Autorin G. Willow Wilson, die manche vielleicht durch ihre (sehr empfehlenswerten) „Ms. Marvel“-Comics kennen, Cyberthriller und Fantasy vor der eindrucksvollen Kulisse der Stadt zu einem Roman, dessen Prämisse sich, wie ihr im ersten Absatz lesen konntet, nur schwer bis unmöglich spoilerfrei zusammenfassen lässt. Allerdings kann und will ich dennoch ein paar Sachen zur Umsetzung sagen, denn die kommt zwar mit vielen Stärken, aber leider auch einigen Schwächen daher. Dabei gibt es vor allem zwei Punkte, die mich dazu gebracht haben, dem Buch nicht die volle Wertung zu geben: Die Charaktere und Alifs Hacking-Abilities.

Die Charaktere sind für mich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits fand ich sie faszinierend, andererseits haben sich sämtliche Frauenrollen in eine Richtung entwickelt, die mir recht sauer aufgestoßen ist. Aber von vorne: Protagonist Alif ist wie schon gesagt nicht der sympathischste, aber das stört nicht weiter, denn es gehört zur Geschichte. Seine Freundin Dina ist in vielerlei Hinsicht sein Gegenteil – die religiöse Tradition zu seiner Cyber-Modernität. Und Intisar wiederum ist Dinas Gegenteil – eine reiche Araberin, die den Schleier als Zeichen ihres Standes tragen kann und von der es auch so erwartet wird, während die Tocher von Gastarbeitern für ihre Entscheidung den Schleier aufzunehmen von allen Seiten stark kritisiert wird.

Es kommen im Laufe der Geschichte noch weitere Charaktere hinzu und sie alle waren faszinierend, gerade in ihren Gegensätzen, in den vielen Facetten, die sich alle beinhalten, und in der Art, wie sie sich im Laufe des Romans entwickeln. Letzteres ist aber auch das Problem. Denn so sehr die Frauenfiguren zu Beginn des Romans als starke, eigenständige Charaktere darstellen, so sehr entwickeln sie sich im weiteren Verlauf auf Arten, die wirklich unnötig waren: Sie müssen gerettet werden, verfallen in klischeehaft weibliche Wesenszüge, werden hypersexualisiert … Warum?! Diese Entwicklung war ebenso unnötig wie unschön und hat den Figuren viel von ihrem Reiz genommen.

Im Gegensatz dazu waren Alifs Hacking- und Programmier-Fähigkeiten von Anfang an … strange. Und sie wurden leider nicht realistischer, als Magie ins Spiel kam. Hier hatte ich mir definitiv mehr von erhofft, aber die Verwebung von Technik und Magie wirkte flüchtig und wenig durchdacht und selbst innerhalb der inhärenten suspension of disbelief, die mit dem Konzept von Techno-Magie einhergeht, einfach nicht glaubwürdig. Dafür, dass Technik und Magie und deren Kombination zentrale Elemente der Geschichte sind, war die Umsetzung erstaunlich oberflächlich und unzulänglich.

Aber es gab natürlich auch positive Seiten an Wilsons Debütroman, einige sogar, sonst hätte es wohl kaum für diese Wertung gereicht. Es ist nur irgendwie immer sehr viel einfacher, die negativen Aspekte umfangreich zu beschreiben. Zum Positiven gehörte für mich aber eindeutig das Setting, denn die Stadt wirkt oft so lebendig, so vielschichtig und so zentral für diese Geschichte, dass sie ein eigener Charakter sein könnte. Sie steckt voller Widersprüche – zwischen Tradition und Moderne, zwischen Arabern und Gastarbeitern … – und wird auf eine Art beschrieben, die mich direkt in ihren Bann gezogen hat.

Ein weiteres Highlight waren für mich die Dialoge und Abschnitte, die voller kluger Ideen und Reflexionen stecken, in denen es um gesellschaftskritische Aspekte geht und ähnliches. Davon gab es im Verlauf des Romans einige, die mich immer wieder fasziniert haben und meine Neugier auf verschiedene Storyaspekte geweckt haben. Für mich waren diese Stellen außerdem ein guter Ausgleich dafür, dass die Story manchmal etwas schleppend wurde und zwischen spannenden, schnellen und actionreichen Szenen hier und da ins scheinbar Belanglose abdriftet, bevor sie wieder Fahrt aufnimmt.

Für mich war „Alif der Unsichtbare“ von G. Willow Wilson ein faszinierendes Abenteuer mit Stärken und Schwächen, das mich in eine Version des Nahen Osten entführt hat, die voller Disparitäten steckt. Tradition und Moderne, Phantastik und Technologie – der Roman erforscht, wenn auch nicht immer völlig gelungen dann doch zumindest auf größtenteils fesselnde Art und Weise, wie diese Faktoren gegen einander wirken der nebeneinander existieren können. Mich konnte G. Willow Wilson damit ausgesprochen gut unterhalten und ich bin gespannt ob es weitere Romane von ihr geben wird. Und wie diese mit den hier genannten Kritikpunkten umgehen werden.

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♥ Rezensionsexemplar ♥
Alif der Unsichtbare von

Alif the Unseen, übersetzt von
Genre:
Verlag: , Januar 2018
ISBN: 9783596299362, taschenbuch, 528 Seiten
Mehr Infos zum Buch beim Verlag

Inhaltsangabe:
Alif, ein junger Hacker in einem arabischen Emirat, sieht es als seine Berufung an, seinen Klienten Anonymität und Schutz vor staatlicher Überwachung zu bieten, ganz gleich welcher politischen Gruppierung sie angehören. Doch als er selbst ins Fadenkreuz der Regierung gerät und sein Rechner gehackt wird, muss Alif sein bisheriges Leben hinter sich lassen und untertauchen. Dass ihm zudem ein uraltes Buch mit dem Titel »Tausendundein Tag« in die Hände gespielt wird, verkompliziert die Sache enorm. Denn sein Inhalt enthüllt die reale Existenz der Dschinn und scheint obendrein der Schlüssel zu einer neuen Informationstechnologie zu sein ... »Alif der Unsichtbare« widersetzt sich allen Genrekategorien: Dieser wundervolle Debütroman ist gleichermaßen Fantasy-Roman und dystopischer Techno-Thriller. Vor dem Hintergrund einer nicht näher bestimmten arabischen Großstadt erzählt er, was geschieht, wenn der Schleier zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt durchlässig wird.

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