Don’t judge a series by its trailer – it might be even worse! Netflix‘ Trainwreck ‚Insatiable‘

Letzten Monat kam der Trailer zu Insatiable raus (zu finden auf Netflix und YouTube) und die Reaktionen waren, gelinde gesagt, nicht positiv.

Und für alle, die sich jetzt fragen, was der Aufruhr sollte und worum es in „Insatiable“ geht, hier die relevanten Punkte kurz zusammengefasst:

Protagonistin Patty ist fett und wird deshalb von ihren Mitschülern gemobbt. Dann wird ihr jedoch nach einer Gewalttat der Kiefer verdrahtet und sie kann drei Monate nur noch Flüssignahrung zu sich nehmen. Und tadaa! Pattys Gewicht halbiert sich, ein Make Over und eine Charaktertransplantation kriegt sie direkt dazu und bye, bye fettes Entlein, hallo rachsüchtiger Schwan! Denn Rache ist Pattys oberstes (und eigentlich einzige) Ziel.

Dabei versucht die Serie (vermutlich?) die gesellschaftliche Fixierung auf Äußerlichkeiten zu kritisieren. Allerdings wird alles so sehr aufs Äußere reduziert, dass der vermeintlich kritische Charakter der Serie nicht mal zu erahnen ist. Und da nirgends eine voice of reason durchschimmert, ist die Serie einfach nur auf tausenden Ebenen extrem offensive.

Hier meine Top Ten Probleme mit „Insatiable“:

Wenn nur die äußeren Einflüsse stimmen, kann jeder schlank werden

Die Idee, dass Patty ihr Gewicht halbiert, ohne dass sie dafür selbst aktiv werden muss, oder dass Gewalt der Schlüssel für Gewichtsverlust ist, an allem davon ist so viel falsch. Nichts davon sollte als optimale Lösung für Übergewicht verkauft werden – wenn überhaupt was als Lösung für Übergewicht verkauft werden muss.

„Skinny is magic“

„Skinny is magic“ ist der Titel der zweiten Episode und die Catchphrase der Serie. Und so verletzend, denn sie fasst ganz gut zusammen, was die Serie auch sonst vermittelt: Wer dünn ist, kann alles erreichen. Wer hingegen fett ist? Tja, der hat halt Pech gehabt. Selbst Schuld!

Fatness = Essstörung

Patty hat eine Essstörung. Und die verschwindet auch nicht, nachdem sie abgenommen hat. Essen ist ihr „safe space“ und Bingeeating ihr go to move bei Stress, Wut und wann immer sie sich mit übermäßigen negativen Emotionen konfrontiert sieht. Nicht zu vergessen, dass ihre Körperwahrnehmung noch immer völlig gestört ist. Fatness wird immer und immer wieder mit Essstörungen gleichgesetzt.

Psychologische Probleme sind die Grundlage der Comedy

Das fängt mit Pattys Bingeeating an, hört da aber noch lange nicht auf. Die gesamte Handlung basiert immerhin auch auf Pattys Rachegelüsten und wann immer man das Gefühl hat, dass die Geschichte vielleicht doch noch die Kurve kriegt, kommt Pattys Crazy durch – sie ist niederträchtig, manipulativ und was sie wesentlich mehr braucht, als brutale Rache, ist eine Therapie … So aber werden ihre oft völlig irrationalen Ideen als Grundlage einer oh so witzigen Story genutzt.

Closeted gays eignen sich ebenfalls hervorragend für Witze

Pattys beste (und einzige) Freundin, Nonnie, ist relativ offensichtlich in ihre Sandkastenfreundin verliebt. Dabei ist sie mehr oder weniger in denial, vor allem aber wird sie als ziemlich erbärmlich dargestellt und ihre naiven Annäherungsversuche nicht nur nicht von Patty wahrgenommen, sondern auch immer wieder als Grundlage für Witze genutzt. Das bessert sich zwar im Laufe der Serie, rettet dann aber auch nicht mehr viel.

Genau wie queer coded Charaktere!

Bob, der Typ, auf den Patty während der halben Staffel steht, und der sie für die Schönheitspageants coacht, ist heavily queer coded. Okay, genau genommen fällt er auch in die „closeted gays“-Kategorie, aber das wird erst in den letzten Folgen klar. Vorher ist er vor allem die Inkarnation sämtlicher Schwulen-Klischees, verliebt in seine Frau (oh, by the way, cue bierasure und biphobia!) und sämtliche Frauen stehen auf ihn, was immer und immer wieder für Lacher genutzt wird, nicht zuletzt, weil …

Pädophilie und Minderjährige, die für erwachsene Männer schwärmen, sind natürlich auch witzig

… Bob wird direkt zu Beginn der Serie (fälschlicherweisie) als child molestor dargestellt. Und das wird immer wieder hervorgeholt, als Grundlage für Witze. Genau wie Pattys sexuelle Fixierung auf Bob – die nach einigen Episoden weitestgehend verschwindet bzw. zum allgemeinen Daddy-Komplex wird – ja auch oh so witzig ist, denn was gibt es lustigeres als eine 17 Jährige, die auf einen 40 Jährigen steht und immer wieder versucht, ihm näher zu kommen?

Sowohl Gewalt als auch sexual harrasment sind vor allem eins: Comic relief

Es sollte niemanden verwundern: Mobbing und (gewaltvolle) Rachepläne sind die Grundlage der Story. Aber auch sonst nutzt die Serie immer und immer wieder körperliche Gewalt, oft sexualisiert, für Lacher. Ob es Mädchen sind, die sich gegenseitig ohrfeigen oder Bob, der von seiner ehemaligen Mentorin bedrängt wird: Das oh so lustige Spiel mit Sex und Gewalt ist allgegenwärtig.

Und wo wir schon dabei sind: Auch Sucht ist oh so lustig!

Pattys Mutter ist trockene Alkoholikerin, ihre Mitschülerin Magnolia hat ein Drogenproblem, ihr Boyfriend Christian ist Ms Dealer (und Pattys true love, zumindest zeitweise) und all das ist nicht mehr als ein unsinniger plot point, um Patty zu pushen, ihr eine tragic backstory™ zu geben und Gegner aus dem Weg zu räumen. Yay?

Pattys Probleme sind wichtiger, tiefgründiger und überhaupt schlimmer als die aller anderen

Immer wieder werden Figuren mit Problemen eingeführt, die denen von Patty auf den ersten Blick ähneln – aber nie so wichtig sind wie Pattys. Wie in der Szene mit dem trans Mädchen, das sich nicht weiblich genug fühlt, um im Bikini herumzulaufen. Patty steht daneben und fühlt sich nicht dünn genug für ihren Bikini. Und irgendwie schafft die Serie es, dass Pattys Probleme als sehr viel realer und wichtiger rüber kommen. Nur einer der vielen Fälle, in denen marginalised people genutzt werden, um Pattys Probleme zu pushen und zu dramatisieren.

Fazit: Äußerlichkeiten sind alles und alles ist witzig. ODER NICHT?!

Das zumindest ist die Message, die „Insatiable“ meiner Meinung nach rüber gebracht hat. Es wird sich über alles und jeden, vor allem aber über Minderheiten und marginalised groups lustig gemacht und das ohne dass über weite Strecken auch nur der Eindruck entsteht, dass die Serie es ironisch meint. Die ganze Prämisse der Serie basiert auf krankhaftem Selbsthass, die Handlung wird allein vom manipulativen Verhalten mehrerer Charaktere (allen voran natürlich Patty und Bob) getragen und auch sonst gibt es wenig Inhalt. 

Und ich meine wirklich wenig Inhalt. Vor allem geht nichts in die Tiefe. Patty hat keine Hobbies, keine weiteren Charaktermerkmale, kein gar nichts außer dass sie eben das ehemals fette Mobbingopfer turned sexy, revenge seeking beauty queen ist. Die anderen Charaktere haben ähnlich viel Profil. Hier und da gibt es mal eine weitere tragic backstory™ aber sonst? Eigentlich sind die Charaktere alle nur leere Klischeehüllen.

Die Serie verschenkt Potential ohne Ende

Dabei hat „Insatiable“ so viele gute Ansätze! Der Cast der Serie ist super divers und, abgesehen von der grundsätzlich fragwürdigen Casting Choice der Hauptfigur (Fat Suits sind echt Mist), ist die Auswahl an Charakteren wirklich nicht schlecht. Und eben verdammt repräsentativ und vielfältig, mit trans Schauspielern, diversen BPoC und PoC im Cast und, wenn man den Schreibern der Serie glauben will, stimmen ja angeblich auch die Intentionen dahinter.

Leider verfliegt sämtliches Potential ungenutzt. Die Serie ist so dermaßen over the top in ihrer Darstellung, dass 99% der Zeit nicht mal der Hauch einer Kritik durchschimmert. Das Storytelling ist ziemlich miserabel, manche Handlungsstränge verlieren sich im nichts, gerade die marginalized Figuren verschwinden immer mal auf dramatische Weise (oder auch ohne jeden weiteren Kommentar), dafür plöppt ständig was Neues auf, damit bloß nicht zu wenig passiert. Dabei werden Klischees als Plotelemente benutzt und Witze über die unwitzigsten Themen gerissen.

„Insatiable“ ist ein absolutes Trainwreck, super hurtful gegenüber so ziemlich allem und jedem, sämtliche guten Intentionen gehen unter einer Lawine von super ‚edgy‘ Witzen verloren. Ich hoffe so, so sehr, dass es keine zweite Staffel dieses Mists geben wird …

Ein Nachtrag: Auch own voices stories können daneben gehen

Der Punkt, der mich an „Insatiable“ mit am meisten stört, sind nicht nur die guten Intentionen, die dahinter stehen, sondern dass sie aus einer ganz persönlichen Leidensgeschichte entstanden und dennoch so dermaßen daneben gegangen ist. Denn Show Producerin Lauren Gussis war selbst Opfer von Mobbing und Fatshaming und die Show ist ihr Weg diese Erfahrungen und die Gefühle, die diese bei ihr hervorgerufen haben, auf vermeintlich humorvolle Weise mitzuteilen, wie sie in diesem Twitter-Statement erklärt hat. Bestätigt hat das auch Netflix‘ Original Series Vizepräsidentin Cindy Holland:

“Lauren Gussis, who is the creator, felt very strongly about exploring these issues based on her own experiences, but in a satirical, over-the-top way,” she said. “Ultimately, the message of the show is that what is most important is that you feel comfortable in your own self. Fat-shaming itself, that criticism, is embedded in the DNA of the show.”

The Cut

Das Problem ist, again, dass der satirische, over-the-top Humor Part nicht durchkommt. Stattdessen hat man eine Rache-Phantasie realisiert. Eine Geschichte, in der es das oberste Ziel ist, gewaltsam Rache zu nehmen. Das funktioniert zwar nicht so, wie Patty sich das erträumt, aber es mangelt an Einsicht und so bleibt die Message bis zum Schluss, dass diese Rache – die nun offenbar auf Gussis‘ eigenen, selbst erlebten Gefühlen erlebt – der richtige Weg ist. Vielleicht nicht, um sein Leben auf die Reihe zu kriegen, aber um für Lacher zu sorgen? Definitv!

Ich will Gussis ihre Erfahrungen überhaupt nicht absprechen und auch ihre Intentionen nicht anzweifeln, aber ihre Umsetzung? Die kann ich nicht unkritisiert stehen lassen, denn in meinen Augen ist dabei einfach so viel schief gegangen, dass die vorgesehene Message völlig verdreht beim Publikum ankommt. Der Aspekt, der die Show zu einer cautionary tale machen sollte, ist irgendwo zwischen Konzeption und Umsetzung verloren gegangen. Dass hier persönliche Erfahrungen und #ownvoices Aspekte zu so aktuellen wie auch heiklen Themen wie Mobbing, Fatshaming und Suizidgedanken verarbeitet werden, rückt die Message „Rache ist cool“ in ein noch fragwürdigeres Licht.

Habt ihr „Insatiable“ gesehen? Was ist eure Meinung?

Mehr zum Artikel

Insatiable

🗑

Idee: Lauren Gussis
12 Folgen in 1+ Staffeln (2018)

Kategorien: #RikeRants, Serienliebe
Tags: , , , ,
  • Die Bloggerin

    queer fat feminist geek chick 💛 bibliomanic bibliophile & blogger 🧡 comics, games & sf/f nerd ❤️ she/her 💖

    Mehr …

  • Leseliste des Monats

    Hier seht ihr, welche Bücher ich diesen Monat lesen möchte. Mehr Infos zu meinen Leselisten findet ihr auch immer in meinen Monatsrückblicken.

    zu lesen | wird gelesen | gelesen
     

  • Bewertungen

    💔
    Ob wirklich schlecht oder einfach nicht der richtige Zeitpunkt: Dieses Buch habe ich abgebrochen
    💜
    Das war eindeutig nicht mein Buch. Aber so gar nicht.
    💙💙
    Überzeugen konnte mich dieses Buch leider nicht, auch wenn es gute Ideen hatte.
    💚💚💚
    So lala. Dieses Buch war weder gut noch schlecht und wahrscheinlich werde ich es nächste Woche wieder vergessen haben.
    💛💛💛💛
    Dieses Buch war ziemlich gut, aber ein paar Kleinigkeiten haben mich doch noch gestört.
    🧡🧡🧡🧡🧡
    Wirklich, wirklich gut. An dem Buch gab es quasi nichts, das mich gestört hat.
    💖💖💖💖💖💖
    Sooo gut! Ein Buch, das direkt ins Allzeit-Lieblingsbücher-Regal gewandert ist.

  • Andere Blogs