Ein Kobold am Elfenhof: Der Winterkaiser von Katherine Addison

Der Winterkaiser (The Goblin Emperor #1) von Katherine Addison | 💙💙💙💙
erschienen bei Fischer TOR | Oktober 2016
544 Seiten | Paperback | ISBN: 9783596036189
Goodreads | Thalia | Amazon (Werbung)

Maia ist achtzehn, als plötzlich ein kaiserlicher Bote auf dem Landgut auftaucht, auf das er und sein Vormund verbannt wurden, und ihm mitteilt, dass er nun Kaiser der Elfenlande ist. Als vierter und jĂŒngster Sohn des Kaisers und ungeliebter, ja gehasster Kobold-Elf-Mischling, hat niemand, ganz besonders nicht Maia selbst, erwartet, dass er jemals den Thron besteigen wĂŒrde. Und so findet sich Maia plötzlich und völlig unvorbereitet in einer Welt voller Intrigen wieder – noch bevor er ĂŒberhaupt einen Fuß auf das Luftschiff Richtung Kaiserstadt gesetzt hat, beginnen die Machtspielchen.

„Der Winterkaiser“ von Katherine Addison ist politische High Fantasy vom feinsten. Wer sich nach großer Action sehnt, der ist hier fehl am Platz, denn die Handlung findet nahezu ausschließlich in SitzungssĂ€len und anderen Orten am Hof des Kaisers statt. Die ganze Geschichte ist rein Charakter basiert und Maia ist Dreh- und Angelpunkt der gesamten Geschichte.

„Nichts kann den Umgang mit dem Tod erleichtern“, sagte Cala, „aber das Schweigen kann ihn erschweren.“

„Zu sprechen hilft uns nicht“, erwiderte Maia.

Der Winterkaiser von Katherine Addison

Das Schweigen und das Sprechen spielen eine wichtige Rolle in diesem Roman. Die Handlung spielt sich in Maias inneren Monologen und den Dialogen mit anderen Charakteren ab und schon der am Hof verwendete Pluralis Majestatis macht die Distanz zwischen Maia und all denen, die ihn umgeben, deutlich. Genau wie es zu Maias zentralsten Problemen gehört, seine Stimme als Kaiser zu finden – war er vorher dazu erzogen, so hĂ€ufig wie möglich zu schweigen, muss er nun plötzlich Befehle geben -, geht es auch darum, was am Hof gesagt werden kann, darf und muss und was verschwiegen wird bzw. werden muss. Außerdem hatte ich vor allem zu Beginn des Buchs das GefĂŒhl, dass die Autorin einen ziemlichen Stimm-Fetisch hat, da sie stĂ€ndig die StimmklĂ€nge der einzelnen Personen beschrieben hat.

Überhaupt habe ich mich mit den Beschreibungen der Autorin teils etwas schwer getan, vor allem wenn es um ihre Charaktere ging – oder eher, um deren Ohren. Denn offenbar sind die Ohren dieser Elfen und Kobolde erstaunlich beweglich, stĂ€ndig werden Ohren gespitzt oder hĂ€ngen gelassen oder was weiß ich nicht was und bei mir hat das jedes Mal die Vorstellung hervor gerufen, dass die Figuren flauschig-pelzige Hunde- oder Katzenohren haben. Das ist eine Vorstellung, die beim Lesen dieses Buchs nicht unbedingt hilfreich ist…

Eine kleine Katastrophe waren fĂŒr mich auch die Namen in „Der Winterkaiser“, denn ganz in Tolkienscher Manie scheint die Autorin hier ihre ganz eigene Sprache entwickeln zu wollen und wirft nicht nur mit ausgefallenen Namen fĂŒr die Charaktere um sich, sondern verpasst auch allem anderen neue, seltsame Namen. Leider sind die sowohl unhandlich als auch unverstĂ€ndlich und – fĂŒr mich zumindest – meist unaussprechlich. Außerdem sind sich die Namen der Personen teils recht Ă€hnlich, sodass ich bis zum Schluss bei einigen Probleme hatte, sie auseinander zu halten und richtig zuzuordnen.

Trotzdem, Katherine Addison konnte mich mit „Der Winterkaiser“ insgesamt wirklich ĂŒberzeugen. Denn so verwirrend die Namen sind und so sehr mich die Ohren immer wieder irritiert haben, der Roman ist ausgesprochen gut geschrieben und einmal etwas ganz anderes als die High Fantasy, die man sonst so zu lesen bekommt. Ja, es gibt Magie und Schwerter, aber beides spielt fĂŒr die Geschichte eigentlich keine allzu vordergrĂŒndige Rolle. Viel mehr stehen Maia und seine Entwicklung sowie der Hof des Elfenkaisers als nahezu eigenstĂ€ndiger Charakter im Zentrum der Handlung.

„Hat eine Frau nicht die Pflicht, ihre Begabungen auszuschöpfen, auch wenn diese nicht darin bestehen, sich um den Nachwuchs zu kĂŒmmern?“

Der Winterkaiser von Katherine Addison

Es wird eine Vielfalt von Themen angeschnitten, die oftmals aktuelle Konflikte und Probleme aufgreifen, seien es Rassismus – die Kluft zwischen dunkelhĂ€utigen Kobolden und hellhĂ€utigen Elfen ist gerade am Hof groß, wie Maia als Sohn einer Koboldin oft genug am eigenen Leib zu spĂŒren bekommt -, Emanzipation – die Tatsache, dass Frauen Besitz des jeweiligen Hausoberhaupts sind und lediglich fĂŒr politisch motivierte Zwangsehen und zum Kinder kriegen taugen, ist etwas, womit Maia sich schon frĂŒh und auf vielfĂ€ltige Weise auseinandersetzen muss -, HomosexualitĂ€t – die in den Geschichten mehrer Charaktere eine Rolle spielt, auch wenn sie nur kurz angeschnitten wird – oder die Unaufhaltsamkeit des Fortschrittes.

Die Vielfalt der Themen ist interessant, beleuchtet sowohl Maias Charakter als auch den des elfischen Hofes – und teils auch den des Hofs der Kobolde – in immer wieder anderem Licht, erlaubt neue Blickwinkel und zeigt neue Facetten auf. Mich persönlich hat das fĂŒr die grĂ€sslichen Namen weitestgehend entschĂ€digt und mit dem Buch versöhnt, denn das glĂ€nzt eben vor allem dadurch, dass es mal etwas ganz anderes ist. Von mir gibt es dafĂŒr eine ganz klare Empfehlung!

FĂŒr Fans von…

  • High Fantasy ohne viel Fantasy
  • Charakter- statt Action-orientierter Handlung
  • und Leute mit hoher Toleranz fĂŒr strange Namen

Was andere Blogger sagen:

Habt ihr das Buch gelesen und rezensiert? Dann lasst mir doch einen Kommentar da und ich verlinke eure Rezension hier ?

3 Kommentare

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Ich fand das mit den Ohren ganz grandios, und habe mir da eben etwas lÀngere Elfenohren vorgestellt. Auf den meisten Fanarts ist das auch so dargestellt.

Die Fantasiesprache fand ich sehr schön, man konnte sich selbst erschließen, was ein Wort wohl heißen könnte – und wĂ€hrend in der Übersetzung aus „Serenity“ das doch eher ungelenke „Durchlaucht“ gemacht wurde, bleiben uns die Fantasietitel in all ihrer Schönheit (oder eben auch KomplexitĂ€t …) erhalten.

Der Behauptung, dass Magie fĂŒr die Handlung keine Rolle spielt, möchte ich ganz entschieden widersprechen; es wird zwar nicht mit FeuerbĂ€llen geworfen, aber der indirekte Einfluss von Magie auf die Handlung ist enorm – ohne ihre magische Begabung wĂ€ren viele Figuren ĂŒberhaupt nicht Teil der Handlung. Insofern bewegt sich „Der Winterkaiser“ in der Tradition von „Herr der Ringe“ …. wo ein Zauberer auch mal ĂŒber hunderte Seiten gar nicht zaubert.

Ansonsten kann ich mich der Rezension nur anschließen; ein wunderbares Buch.

Allein schon wegen der sympathischen Figuren lohnt sich das lesen.

Tja, und so gehen die GeschmĂ€cker auseinander 😀 Die Sache mit den Ohren hat mich zumindest am Anfang total fertig gemacht und mit der Fantasiesprache bin ich bis zum Schluss alles andere als warm geworden ^^ Aber was die Magie angeht, hast du wohl bis zu einem gewissen Grad Recht – auch wenn mir „nur“ vier Figuren einfallen, auf die das zutrifft und ich dabei bleibe, dass Magie in meinen Augen definitiv keine vordergrĂŒndige Rolle spielt 😉

Aber immer interessant andere Meinungen zu lesen und im wichtigsten Punkt sind wir uns ja einig: Das Buch ist klasse 🙂

LG

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